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08.02.2008 1488
Ekin Deligöz - „Koch hat die Emotionen geschürt“

Die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz macht Roland Kochs Wahlkampf in Hessen für die Wut vieler Deutsch-Türken nach dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen verantwortlich.

Von FOCUS-Online-Autor Mario Kubina

„Das ist natürlich eine Reaktion auf die Hessen-Wahl. Was Roland Koch gemacht hat, hat unendlich viele Emotionen geschürt“, sagte Ekin Deligöz (Grüne) mit Blick auf die Wahlkampagne der hessischen CDU. Es wundere sie nicht, so Deligöz zu FOCUS Online, wenn die so entstandene Frustration nun nach dem Wohnhausbrand in Ludwigshafen zum Vorschein komme. „Das Problem ist: Wir kennen die Brandursache nicht.“ Einen rechtsradikalen Hintergrund will Deligöz, die ihrerseits aus einer Migrantenfamilie stammt, jedoch nicht ausschließen. Vor dem Hausbrand habe es etliche Drohungen gegen das ausschließlich von Türken bewohnte Haus am Danziger Platz gegeben.

Sollte sich die von Teilen der türkischen Presse erhobene These eines rechtsextremen Hintergrunds bewahrheiten, dann wäre Koch aus Deligöz’ Sicht ein „geistiger Brandstifter“. Koch hatte in der Endphase des Wahlkampfs das Thema Jugendkriminalität forciert und dabei besonders auf die vergleichsweise hohe Gewaltkriminalität ausländischer Jugendlicher verwiesen. Daraufhin warfen ihm SPD, Grüne und Migrantenverbände vor, ausländerfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung zu mobilisieren.

Trauma Solingen

Zudem sieht Deligöz Parallelen zum Fall Solingen. Noch heute sei der damalige Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie ein Trauma für die in Deutschland lebenden Türken. Und auch damals seien der Tat Wahlkämpfe vorausgegangen, die gegen Ausländer gerichtet gewesen seien. In der nordrhein-westfälischen Stadt waren im Jahr 1993 fünf Menschen ums Leben gekommen, nachdem Skinheads ein Wohnhaus in Flammen gesetzt hatten.

Integration, so Deligöz, sei ein „zartes Pflänzchen“. „Wenn Sie da mit einer Schaufel Erde rübergehen, dann liegt die Pflanze schnell am Boden“, sagte die Grünen-Politikerin mit Blick auf Koch. Im vergangenen Jahr habe die deutsche Politik beachtliche Erfolge in der Ausländerpolitik erzielt, etwa mit dem Integrationsgipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Diese seien nun aber zunichte gemacht worden. Daher fordert Deligöz eine parteiübergreifende Vereinbarung, „dass Migranten nicht mehr zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert werden“. Und auch für die türkischen Medien hat sie einen Ratschlag. Diese sollten „aufhören zu zündeln“. Schließlich hätten Zeitungen wie „Hürriyet“ großen Einfluss auf die Meinungsbildung von Türken in Deutschland.

Quelle: www.focus.de ... »

08.02.2008 1487
Schülerdiskussion mit Erdogan und Merkel - Mit Kopftuch im Kanzleramt

Der türkische Ministerpräsident dürfte viel mitgenommen haben aus dem Amtssitz der Kanzlerin. Vor allem aber will er den Deutschen etwas geben: türkische Lehrer, türkische Schulen und türkische Universitäten.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Mit Standing Ovations begrüßen etwa 300 Schülerinnen und Schüler von Berliner Schulen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt. Als sie sich wieder setzen wollen, bitte Merkel alle, noch mal aufzustehen. Kichern im Foyer des Kanzleramtes.

Merkel bittet ihre jungen Gäste um eine Gedenkminute zu Ehren der Opfer der Brandkatastrophe von Ludwigshafen, bei der neun Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen. Da ist es dann plötzlich ganz still.

Es ist nur ein schrecklicher Zufall, dass Erdogan gerade an diesem Wochenende Deutschland besucht. Aber die Schweigeminute zeigt, dass es Punkte gibt, an denen sich Deutsche und Türken schnell miteinander verbunden fühlen können.

Bevor die Diskussion mit den Schülern beginnt, hat der türkische Ministerpräsident noch ein Anliegen. Er habe sich die Arbeit von Polizei und Feuerwehr in Ludwigshafen angeschaut. Die Behörden seien "sehr engagiert", sagt Erdogan.

Er rief die türkischen Medien zur Zurückhaltung auf. Da würden zum Teil falsche Schlussfolgerungen über die Hintergründe der Tat gezogen. Aber: "Wir haben keine Beweise." Jetzt müsse es darum gehen, die Gründe des Brandes aufzuklären. "Unsere Bürger sollen unbesorgt sein." Wenn die Medien aber weiter anstachelten, "dann wird eine Gesellschaft auf Hass aufgebaut".

Die Schüler haben Kopfhörer bekommen für die Simultanübersetzung. Merkel hat auch so einen auf dem Kopf. Zwei Drittel der Schüler brauchen das Gerät nicht, wenn Erdogan spricht. Andere setzen die Kopfhörer auf, wenn Merkel spricht.

Merkel will es genau wissen. Sie fragt die Schüler mit Migrationshintergrund, ob sie zu Hause Deutsch sprechen. Die allermeisten heben ihre Hand. Deutsche Zeitungen? Weniger Hände. Deutsche Filme? Mehr Hände.

Merkel lächelt zufrieden. Die deutsche Sprache, sagt sie, sei der Schlüssel zu Integration. Die Schüler widersprechen nicht. Sechs von ihnen sind auf dem Podium, dürfen Fragen stellen oder Anmerkungen machen. Manche lesen ab, andere reden frei.

Sehan von der Neuköllner Heinrich-Heine-Oberschule beschwert sich, dass es an ihrer Schule keine Lehrer mit Migrationshintergrund gebe. "Wir hatten mal eine Aushilfe, der konnte viel besser auf die türkischen Eltern zugehen."

Merkel findet das im Einzelfall gut. Aber: "Ich tue mich schwer, wenn man sagt, ein deutscher Lehrer kann das nicht." Auch wenn sie glaubt, dass sicher eine türkischstämmige Sportlehrerin den Eltern türkischer Kinder besser erklären könne, warum der Sportunterricht für die Mädchen wichtig sei. Aber, sagt Merkel, ganz Moderatorin an diesem Morgen: "Fragen wir mal den türkischen Ministerpräsidenten, wie der sich das denkt."

Erdogan denkt sich das so: "In manchen Fächern sollte man deutsche Lehrer bevorzugen." Doch um gut Deutsch lernen zu können, müssten die Migranten ihre eigene Sprache beherrschen. Viele könnten aber nicht einmal richtig Türkisch. "Darum wollen wir türkische Lehrer nach Deutschland entsenden."

Er geht noch weiter. In der Türkei werde gerade eine türkisch-deutsche Universität aufgebaut. "Warum nicht eine türkische Universität in Deutschland oder türkische Schulen in Deutschland?" Merkel geht darauf nicht weiter ein.

Erhan von der Ernst-Schering-Oberschule im Wedding sieht die Sache mit der Integration ganz pragmatisch. Er habe von seinen Eltern gelernt, alle Menschen zu respektieren. Darum sage er: "Wir leben alle unter der deutschen Flagge. Also können wir uns doch auch verstehen." Dafür bekommt er viel Applaus.

Merkel will wissen, ob er deutsche Freunde hat. "Mein erster bester Freund war ein Deutscher". "War?", fragt Merkel verwundert. Lachen im Saal. Na ja, er habe ja noch andere beste Freunde, antwortet Erhan.

Kevser vom Albert-Schweitzer-Gymnasium im sogenannten Problembezirk Neukölln fühlt sich oft abgestempelt als Dorfmensch, als ungebildet. "Das ich Kopftuch trage, ist noch das i-Tüpfelchen."

Merkel findet gegen Vorurteile helfe nur eines: Fragen stellen. Warum Kopftuch? Will die Mutter das so? Machst du das freiwillig? Solche Fragen. "Ich stelle die Fragen schon, das ist nicht mein Problem", sagt Merkel. Aber: "Wer sich nicht traut zu fragen, ist unsicher. Und aus Unsicherheit erwachsen die schlimmsten Sachen."

Kevser ist nicht zufrieden. Ihr kommt es auch auf den Ton an. Manche der Fragen klängen ihr zu vorwurfsvoll.

Die Kanzlerin kontert mit ihrer eigenen Vergangenheit. "Ich komme ja aus der DDR", sagt sie. Nach der Wende habe es auch viele gegeben, die nicht wussten, was hinter dem Eisernen Vorhang passiert ist. "Manche haben gefragt: Konntet ihr überhaupt lachen?"

Ihre Lösung ist Selbstbewusstsein. "Ihr habt doch eine tolle Tradition, ihr habt tolle Eltern. Ihr müsst einfach an euch glauben." Das wiederum wird Erdogan gerne gehört haben, liegt er doch seit Jahren im Clinch mit der Union, weil die die Türkei nicht in der EU haben will.

Wenn Erdogan in die Türkei zurückfliegt, wird er auch noch ein anderes Bild aus dem Kanzleramt mitnehmen: Die vielen Mädchen mit Kopftuch im Kanzleramt. Möglicherweise wird ihm das als Argument dienen, für seinen Plan das Kopftuchverbot in der Türkei zu lockern.

Quelle: www.sueddeutsche.de ... »

08.02.2008 1486
Tayyip Erdogan über die Rolle der Türkei - Symbol des Wandels

Die Türkei als Mittler und Wegbereiter für Reformen an der Nahtstelle zwischen Europa und dem Nahen Osten - so sieht der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan die außenpolitische Rolle seines Landes.

Von Tayyip Erdogan

Als Mitglied der Nato und Kandidatenland der EU befindet sich die Türkei genau an der Nahtstelle zwischen europäischer Stabilität und einem zunehmend instabilen und frustrierten Nahen und Mittleren Osten. Ihre geografische Lage macht die Türkei zu einem zentralen Akteur einer wirksamen westlichen Strategie zur Lösung der Konflikte dieser Region, die nicht zu einer Gefahr für die globale Sicherheit werden dürfen.

Die Kenntnisse und Erfahrungen der Türkei sind dafür entscheidend. Aber es geht nicht allein um die Geografie. Für die Türkei von heute gilt: Nicht nur wo sie sich befindet, sondern auch das, was sie darstellt, macht ihre Bedeutung aus.

Die Rolle der Türkei in einem sich wandelnden, unruhigen Nahen Osten ist eng mit ihrer europäischen Orientierung verknüpft. Sie verfügt als demokratisches und säkulares Land mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung, das entschieden für die Prinzipien einer freien Marktwirtschaft eintritt, über einzigartige Erfahrung in der Umsetzung von Reformen.

Die Türkei ist eines von ganz wenigen Ländern der Welt, vielleicht sogar das einzige, das erfolgreich Islam, Demokratie und Moderne vereint. Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte, die sie mit den Ländern der Region teilt, verfügt die Türkei über besondere Motivation, sich für Versöhnung und Kooperation einzusetzen. Deshalb bemüht sie sich, sowohl Motor für die Entwicklung der regionalen Wirtschaft zu sein, als auch ein Faktor für Sicherheit und Stabilität. Zudem wirbt sie für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Region.

Deshalb hat die Türkei auch die Initiative für einen "Größeren Mittleren Osten und Nordafrika" der G-8-Staaten von Anfang an unterstützt. Aus dem selben Grund hat sie gemeinsam mit Spanien die "Allianz der Zivilisationen" initiiert, die sich unter der Schirmherrschaft des UN-Generalsekretärs bemüht, die wachsende Polarisierung zwischen dem Westen und der Islamischen Welt zu überbrücken.

Die Türkei spielt auch eine aktive Rolle bei den Bemühungen, die Einheit und die territoriale Integrität des Irak zu sichern, die von allergrößter Bedeutung für die Stabilität und den Frieden in der Region ist. Wir möchten, dass der Irak das gegenwärtige Chaos überwindet und als prosperierendes Land in Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn leben wird. Die Türkei hat ihre Bemühungen verstärkt, den Irak dabei zu unterstützen, indem sie humanitäre Hilfe leistet, den politischen Dialog der verschiedenen Gruppen fördert, sich an Wiederaufbauprojekten beteiligt und die Institutionenbildung fördert.

Als Beitrag zum wichtigen Wiederaufbau der nationalen Sicherheitsdienste im Irak beteiligt sich die Türkei an der dortigen Trainingsmission der Nato. Trotz der schwierigen Bedingungen haben zudem Hunderte türkischer Unternehmer für 3,5 Milliarden Dollar Bauprojekte im Irak begonnen. Die Türkei war zudem sofort zur Stelle, um eine Nachbarschaftsinitiative der ständigen Sicherheitsratsmitglieder und der G-8-Nationen zu stützen und richtete im November 2007 das zweite Treffen dieser Gruppe in Istanbul aus.

Streitfall Kurdistan

Dauerhaften Streit löst dagegen aus, dass terroristische Elemente, in diesem Fall die kurdische PKK, in der Bergregion im Norden des Irak eine sichere Zuflucht finden. Dies stellt eine ernsthafte Gefahr für die Türkei und die Region dar. Die Türkei geht in Absprache mit den USA und den europäischen Partnern sowie auch den irakischen Autoritäten mit gerechtfertigten Aktionen dagegen vor, und sie wird dies auch weiter verstärken, um diese terroristischen Elemente auszuschalten, die eine friedliche Entwicklung verhindern. Die Türkei verfolgt zudem genau alle Entwicklungen um Kirkuk.

Hier handelt es sich um ein Pulverfass für den Irak, ein Problem, das das ganze Land und die Region in weiteres Chaos stürzen könnte, wenn die internationale Gemeinschaft nicht achtgibt. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, allen irakischen Gruppen zu helfen, unter UN-Aufsicht einen Kompromiss zu finden.

Türkei als Mittler im Nahost-Konflikt

Was den arabisch-israelischen Konflikt betrifft, ist die Türkei in einer einzigartigen Position. Sie kann von exzellenten Beziehungen zu beiden Seiten profitieren. Dies wurde besonders deutlich, als im November 2007 der israelische Präsident Schimon Peres und Palästinenserpräsident Machmud Abbas vor dem türkischen Parlament sprachen.

Ihre besondere Position nutzend wird sich die Türkei weiter mit Nachdruck dafür einsetzen, aktive Unterstützung im Nahost-Friedensprozess zu leisten, damit die in Annapolis beschlossenen Ziele auch umgesetzt werden. In Ergänzung dazu unterstützt die Türkei die wirtschaftliche Zusammenarbeit als wirksame vertrauensbildende Maßnahme. Sie hat eine Drei-Parteien-Plattform initiiert, bekannt als Ankara-Forum, um die ökonomischen Beziehungen zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde zu fördern. Jüngst hat die Türkei den Palästinensern 150 Millionen Dollar für verschiedene Projekte zugesagt.

Die Türkei ist auch das einzige Land der Region, das mit einer Fregatte, zwei Korvetten und einem Wiederaufbauteam, bestehend aus 261 Personen, an der Unifil-Mission im Libanon teilnimmt. Sie ergänzt ihren Peacekeeping-Einsatz auch mit humanitärer Hilfe, wobei sie unter den 15 Nationen rangiert, die hier am meisten leisten.

Türkei will Syrien und Iran einbinden

Auch unsere Beziehungen mit Nachbarn wie Syrien und Iran entwickeln sich positiv. Wir sind davon überzeugt, dass es von Nutzen ist, diese Länder in eine internationale Zusammenarbeit einzubinden. Aus diesem Grund dringen wir auf eine volle Kooperation Syriens mit der internationalen Gemeinschaft im Irak, im Libanon und im nahöstlichen Friedensprozess.

Was das iranische Nuklearprogramm betrifft, hat die Türkei für sich ebenso die Rolle eines Vermittlers gewählt und nutzt jede Gelegenheit, das Thema bei der iranischen Regierung zur Sprache zu bringen. Dabei drängt sie stets auf Erfüllung der Forderungen der internationalen Gemeinschaft.

EU-Mitgliedschaft würde Mittlerrolle der Türkei stärken

Der gestiegene Wert der Türkei ist nicht auf den Nahen Osten beschränkt.Auch auf dem Balkan, in der Schwarzmeerregion und im Mittelmeerraum, in Ländern wie Afghanistan, Pakistan und in Zentralasien, ja sogar in Afrika, hat sich die Türkei zu einem Partner erster Wahl, zu einer Mittlerin und Agentin für Stabilität und positiven Wandel entwickelt.

Es gibt keine Zweifel daran, dass die volle Mitgliedschaft der Türkei in der EU diese Rolle weiter stärken wird, zum Vorteil beider Seiten. Die Türkei wird ein Transmissionsriemen für demokratische Werte werden, die im Nahen Osten und anderen Ländern der Region größeren Widerhall finden werden, wenn sie Nachbarn der EU werden. Gleichzeitig wird die EU mit der Türkei ein wirklicher globaler Akteur werden, so wie sie es sich wünscht.

Tayyip Erdogan ist Premier der Türkei.

Quelle: www.sueddeutsche.de ... »

08.02.2008 1485
Minderheit in Deutschland - Unsere Türken

Die Türkei verbindet viel mit Deutschland. Große Zuneigung ist aber stets in Gefahr, auf Enttäuschungen mit ebenso starker Emotion zu reagieren. Doch grob gezeichnete Debatten führen nicht zu gegenseitigem Verständnis - weder in Ludwigshafen noch beim Münchner U-Bahnangriff.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

Wenn Türken von Europa sprechen, meinen sie fast immer Deutschland. Es gibt kaum eine Familie zwischen Edirne und Erzurum, die nicht hierzulande Verwandte hätte, entfernte oder ganz nahe. Das schafft eine besondere Bindung, ja auch Liebe zu einem Land.

Große Zuneigung ist stets in Gefahr, auf Enttäuschungen mit ebenso starker Emotion zu reagieren. Da wird im Überschwang vergröbert, wie es derzeit türkische Medien tun, wenn sie über den Brand von Ludwigshafen schreiben, der fünf Kindern und vier Erwachsenen das Leben gekostet hat. Schnell äußerten da viele, bislang ohne Beweise, einen "Neonazi-Verdacht".

Auch auf deutscher Seite gibt es häufig eine Schlichtheit im Denken und Handeln, die zu Missverständnissen führt: Da ist jeder Ausländer "Türke", wenn er nur dunklere Haut und Haare hat - was dafür spricht, dass man sich ein Bild gemacht hat von Menschen, die man kaum kennt. Befördert wird dies durch zwei Trends: Den einen sieht man, den anderen nicht.

So zeigen Türken hier einerseits ein neues Selbstbewusstsein, wollen ihre Gebetsstätten nicht mehr in Industriegebieten am Stadtrand verstecken. Andererseits gibt es die Superintegrierten, die in Unternehmensvorstände aufrücken, an Universitäten Professuren innehaben. Die nimmt die Mehrheit der Gesellschaft gar nicht mehr als Ausländer wahr. Sie werden daher nicht auf das Konto gelungener Integration gebucht.

Prügeln aber in der Münchner U-Bahn zwei junge Ausländer einen Rentner nieder, dann ist es der beteiligte Türke, der den Stoff für Landtagswahlkämpfe liefert (und nicht sein griechischer Kumpel).

Die Kampagne hat bei vielen Türken in Deutschland Bitterkeit hinterlassen: Ein Sündenbock-Gefühl, als ob alle Türken ihre Kinder zu prügelnden Ungeheuern erzögen, als ob es in deutschen Familien nicht auch Probleme mit grob vernachlässigtem Nachwuchs gäbe. Der Einzelfall als Beleg für ein Muster, das stimmt selten. Grobzeichnung führt nicht zu gegenseitigem Verständnis.

Für Ludwigshafen folgt daraus: Schon die Tatsache, dass auch die Türkei Ermittler zum Brandort schickt, hat zu einer Kaskade von Verdächtigungen geführt. Die Gewerkschaft der Polizei unterstellt den Türken, deutschen Experten nicht zu glauben.

Aber auch einigen Türken gefällt dies nicht, und auch das hat mit Misstrauen zu tun - in diesem Fall gegen die türkische Regierung. Die Opfer von Ludwigshafen waren Aleviten, sie gehören damit der zweitgrößten Glaubensgemeinschaft der Türkei an, die dort bislang vergeblich für religiöse Gleichberechtigung mit der sunnitischen Mehrheit kämpft, weshalb sie auch nicht so erpicht auf einen Besuch von Regierungschef Tayyip Erdogan in Ludwigshafen war.

Aleviten beten nicht in Moscheen, sie haben eigene Versammlungsorte, und sie haben nicht vergessen, dass ein Brandanschlag auf ein alevitisches Kulturtreffen im türkischen Sivas im Jahr 1993 von keiner türkischen Regierung bis heute vollständig aufgeklärt worden ist.

Ausgerechnet 1993 brannte es auch in Deutschland, in Solingen, und die Erinnerung daran - und an die Skinhead-Täter - hat auch präsent, wer nicht über eine neue ausländerfeindliche Tat spekulieren will. Das Nachdenken über Solingen kann dabei durchaus dazu dienen, die Gegenwart genauer zu sehen.

Den Schmerz der Türken in Deutschland formulierte damals als erster Ignatz Bubis, der Zentralrats-Vorsitzende der Juden, weil die türkische Gemeinde niemand hatte, der sich auf Deutsch an die Öffentlichkeit hätte wenden können. Kanzler Helmut Kohl ging nicht zur Beerdigung der Opfer, weil er angeblich "keinen Beileidstourismus" wollte. Und ein 27-jähriger Cem Özdemir, der sich gut daran erinnert, wie ihn das traf, hat sich damals entschlossen, Abgeordneter zu werden.

Ein Jahr später saß der schwäbische Türke Özdemir im Bundestag. Die Türken in Deutschland haben längst wortgewandte Interpreten, und auch die CDU hat dazugelernt. Sie stellt in Nordrhein-Westfalen den ersten Integrationminister der Republik. Dieser Armin Laschet hat einen Antrittsbesuch bei Mevlüde Genc gemacht, die bei dem Anschlag in Solingen einst zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren hat.

Es hat sich etwas getan seit 1993, aber der Mehrheit in Deutschland dürfte bis heute kaum bewusst sein, dass 38 Prozent aller Kinder, die hier aufwachsen, eine Zuwanderungsgeschichte haben; dass nicht das arme Berlin, sondern das reiche München mit 22,9 Prozent den größten Ausländeranteil hat. 2008 wurde von der Bundesregierung zum "Integrationsjahr" erklärt. Es gibt viele Türken, die diesen Begriff nicht mehr hören können, weil er immer so klingt, als ginge es um ein einseitiges Begehren: Ihr integriert euch, und wir bleiben wie wir sind.

Das Wort ist auch schal geworden, weil so selten darüber geredet wird, was versäumt wurde: beispielsweise das große Potential aufstiegswilliger Zuwanderer mit Studienstipendien zu fördern. Es würde schon ein wenig helfen, wenn Fernsehkrimis nicht immer so täten, als seien Zwangshochzeiten und Ehrenmorde für "unsere Türken" Alltag. Oder einfacher: Wenn sich die Mehrheit der Gesellschaft mehr für ihre Minderheiten interessieren würde. Dann könnte es mit der Liebe vielleicht noch klappen.

Quelle: www.sueddeutsche.de ... »

08.02.2008 1484
Erdogan fordert türkische Gymnasien und Universitäten in Deutschland

Erdogan: "Türkische Lehrer auch nach Deutschland"

Brisante Forderung vom türkischen Ministerpräsident Erdogan: Bei einer Diskussion im Kanzleramt drang der Regierungschef darauf, in Deutschland türkische Bildungseinrichtungen zu schaffen. Um Deutsch sprechen zu können, müssten Migranten zuerst ihre eigene Sprache beherrschen.

Berlin - Mit diesem Vorschlag von Recep Tayyip Erdogan hat Angela Merkel bei einer Diskussion von türkischen und deutschen Jugendlichen im Kanzleramt nicht gerechnet: In Deutschland müssen nach Ansicht des türkischen Ministerpräsidenten türkische Bildungseinrichtungen geschaffen werden. "In Deutschland sollten Gymnasien gegründet werden können, die in türkischer Sprache unterrichten, und die Bundesregierung sollte darin kein Problem sehen", forderte Erdogan. Auch türkischsprachige Universitäten müsse es in der Bundesrepublik geben. "Wissenschaft kennt keine Grenzen", sagte er zur Begründung.

Der Regierungschef bot zudem an, türkische Lehrer und Pädagogen an deutsche Schulen zu entsenden. Die Bundesregierung bat er, alles ihr Mögliche für die hier lebenden 2,7 Millionen Türkischstämmigen zu unternehmen. "Was für die Integration getan werden soll, das muss getan werden." Er sage aber Nein zu Assimilation. Menschen müssten in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert werden.

Erdogan betonte, um Deutsch sprechen zu können, müssten Migranten zuerst ihre eigene Sprache beherrschen. Dies sei bei vielen in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen nicht der Fall. "Deswegen wünschen wir als Türkei, dass wir türkische Lehrer auch nach Deutschland entsenden." Er fügte hinzu: "Wir müssen Schritte auf diesem Gebiet tun und wollen sie tun." Der Ministerpräsident sprach sich zugleich dafür aus, die Ghettoisierung zu überwinden. Es müsse selbstverständlich werden, dass Türken und Deutsche in einem Haus zusammenleben.

Merkel reagierte verhalten auf Erdogans Vorschlag zur Entsendung türkischer Lehrer nach Deutschland. Ein deutscher Lehrer müsse "zu all seinen Schülern die notwendige Offenheit" haben, sagte sie. Man könne nicht sagen, dass sich Kinder ohne Personen mit Migrationshintergrund nicht richtig entwickeln könnten. Die Kanzlerin zeigte sich aber offen für den Vorschlag, Sozialpädagogen zur Unterstützung von Migranten einzusetzen. Diese könnten sich etwa bei Lernschwierigkeiten um Schüler und Eltern kümmern. "Aber für die Lehrer, für die eigentlichen Stunden, stelle ich es mir schwer vor", sagte Merkel.

Quelle: www.spiegel.de ... »
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