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Wednesday, 13. December 2017
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28.01.2011 1990
"Ich zweifle mittlerweile an Deutschland"

Mustafa Yoldas mit seiner Tochter. Foto: Miguel Ferraz
Mustafa Yoldas hat in Deutschland sein Abi gemacht, Medizin studiert und sich als Arzt in Hamburg niedergelassen. Erfolgreich. Aber seit er als Muslim unter Generalverdacht steht, denkt er ans Auswandern

VON OSKAR PIEGSA

Mustafa Yoldas hatte verschlafen, als es an einem Dienstagmorgen im Juli an der Tür seines Einfamilienhauses läutete. "Morgens um sieben standen da sechs bewaffnete Polizisten mit einem Durchsuchungsbefehl", erinnert sich der 40-Jährige. Bisher hatte er sich im interreligiösen und politischen Dialog engagiert, in einer Moschee gebetet, deren Minarette mit Pop-Art-Muster verziert sind, und Polizisten im Antiterrorkampf beraten.

Jetzt wurde er selbst verdächtigt, Terrorhelfer zu sein. Seine Internationale Humanitäre Hilfsorganisation (IHH) sei ein "Hamas-Spendenverein", so die Erklärung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der den Verband an diesem Morgen verbieten und die Wohnungen von 29 Mitarbeitern durchsuchen ließ. "Ich habe darum gebeten, meine Frau und Kinder selbst zu wecken", sagt Yoldas, "und den Beamten Tee und Wasser serviert." Nach einer Stunde seien die Polizisten gegangen.

Was blieb, war die Schmach. "Ich bin kein Terrorhelfer, mein Wirken beweist das Gegenteil", empört sich Mustafa Yoldas. Ende November hat er eine Klage beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht - Immobilien und gefrorenen Konten sollen freigegeben, 15 Angestellte wieder tätig werden dürfen. Danach will er entscheiden, ob er in dem Land bleibt, dessen Bürger er seit seinem halben Leben ist und das ihm fremd geworden ist, weil er sich seit dem 11. September 2001 als Muslim unter Generalverdacht fühlt. "Ich spiele mit dem Gedanken, auszuwandern", sagt er. "Dabei habe ich junge Muslime immer gelehrt, dass Deutschland ihr Land ist. Mittlerweile zweifle ich daran."

Das gelbe Häuschen der Familie Yoldas wirkt wie ein deutsches Vorstadtidyll: mit Schuheausziehen und Raufasertapete, Couchecke und einer Bücherwand, in der medizinische Fachpublikationen neben einem Islam-Lexikon und drei Wälzern mit deutschen Redensarten stehen. "Das ist die Lütte", stellt Yoldas seine vierjährige Tochter vor, deren Aufmerksamkeit der amerikanischen Zeichentrickserie "Spongebob" auf dem Bildschirm gilt.

Wenn es so etwas wie das deutsche Äquivalent des amerikanischen Traums gibt, dann ist er für Yoldas in Erfüllung gegangen: Er ist ein anatolischer Dorfjunge, Arbeitersohn und Einwanderer, der heute eine Arztpraxis, ein Haus und einen BMW besitzt.

"Ich bin das untypische Kind einer typischen Gastarbeiterfamilie", sagt Yoldas. Nach der Grundschule kam er aus der Türkei nach Bremen, die Mutter Hausfrau und Analphabetin, der Vater Schweißer. Ihr Sohn lernte Deutsch, bestand das Abitur und kam zum Medizinstudium nach Hamburg, wo er sich niederließ - beruflich mit einer Praxis und privat mit seiner türkischen Frau und drei Kindern, von denen das älteste nun selbst Abitur hat.

Inzwischen gilt Mustafa Yoldas als einer der bekanntesten Muslime der Stadt. Er sitzt neben Geschäftsführern und Aufsichtsräten im Kuratorium eines Führungsnetzwerks, hat die Schura gegründet, den Dachverband der muslimischen Gemeinden in Hamburg, und verhandelt mit Politikern über den muslimischen Religionsunterricht. In der Centrum Moschee kennt ihn fast jeder mit Namen. Auch jenseits des Gemeindezentrums in St. Georg galt Mustafa Yoldas als respektabler Bürger. "Doch keiner der Politiker, die mich besser kennen als Thomas de Maizière, hat protestiert, dass man mit einem Vertreter der Muslime so nicht umgehen kann", schimpft Yoldas. "In Deutschland herrscht offenbar noch immer das Duckmäusertum."

Persönlich neigt Mustafa Yoldas zur Polemik - auch, wenn er über Israel spricht. Die Internationale Humanitäre Hilfsorganisation (IHH), der er zum Zeitpunkt ihres Verbots seit rund einem Jahr vorstand, habe sich aber stets aus der Politik herausgehalten. Und so, betont Yoldas, auch in Albanien, Haiti und Sierra Leone geholfen. Nur mit einem Teil des Geldes seien 3.200 Waisenkinder in Gaza unterstützt worden. Bei der Auswahl dieser Kinder und dem Geldtransfer habe die IHH auf jene Partnerorganisationen gesetzt, die das Innenministerium "so genannte Sozialvereine" nennt, "die der Hamas zuzuordnen sind". Yoldas: "Es ist nicht möglich, die Hamas zu übergehen, wenn man in Gaza helfen will."

Dass Mustafa Yoldas sich auch im Vorstand der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) engagiert, macht die Sache nicht leichter. Die IGMG wird seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet, der allerdings einräumt, dass "nicht alle Anhänger der IGMG islamistische Ziele verfolgen oder unterstützen". Yoldas sieht sich und seine Hamburger Vorstandskollegen als Reformer. Die anti-westliche Führung des türkischen IGMG hat er in einem taz-Interview scharf kritisiert, türkische IGMG-Vertreter zuletzt seltener eingeladen.

Heute klagt Yoldas, dass der deutsche Staat die Arbeit der Reformer nicht anerkenne, wie man überhaupt die Leistungsträger unter den deutschen Muslimen verkenne. "In Deutschland habe ich mir meine Existenz aufgebaut, hier zahle ich Steuern und engagiere mich", sagt Mustafa Yoldas. "Aber als integriert gilt nur, wer Schweinefleisch isst und Alkohol trinkt. Wir anderen können uns abrackern wie wir wollen - wir bleiben die integrationsunwilligen Ausländer."

Quelle: www.taz.de ... »

28.01.2011 1989
Genscher im Gespräch - "Ein Beitritt der Türkei ist im Interesse der EU"

Hans-Dietrich Genscher: "Europa ist unsere Zukunft - wir haben keine andere." (© Getty Images)
Interview: Peter Lindner

Richtungsweisende Worte: Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher über nationale Egoismen in der EU, deutsche Fehler - und die Leistung von Guido Westerwelle.

Hans-Dietrich Genscher (FDP) war von 1974 bis 1992 fast durchgehend Bundesaußenminister und Vizekanzler. Er gilt als eine der herausragenden Politiker-Persönlichkeiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Genscher hat unter anderem den europäischen Einigungsprozess entscheidend mitgeprägt. Er ist 83 Jahre alt und lebt in der Nähe von Bonn.

sueddeutsche.de: Die Eurozone steckt in der Krise, nationale Egoismen treten immer stärker in den Vordergrund. Ist das Projekt europäische Einigung ernsthaft bedroht?

Hans-Dietrich Genscher: Die Renationalisierung des Denkens in der öffentlichen Debatte vieler Mitgliedsstaaten, auch in Deutschland, sehe ich mit Besorgnis. Deshalb ist es wichtig, sich auf den Kern der Europa-Idee zu besinnen: Zuallererst die Lehren aus der Geschichte zu ziehen.

Schließlich haben wir es geschafft, nach den schrecklichen Erfahrungen der europäischen Bruderkriege und der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in Europa eine neue Kultur des Zusammenlebens zu schaffen. Das hat uns zu einer Zone des Friedens und der Stabilität gemacht und uns nie gekannten Wohlstand beschert. Jeder muss erkennen, dass der gemeinsame Erfolg auch der gemeinsame Vorteil ist.

sueddeutsche.de: Manche werfen Kanzlerin Angela Merkel vor, dass sie eben nicht den gemeinsamen europäischen Erfolg, sondern zuallererst den nationalen Vorteil im Blick hat. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Genscher: Nein. Deutschland hat bei der Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise sehr wohl gezeigt, dass es konsensfähig und konsenswillig und vor allem solidarisch ist. Gleichzeitig ist es aber offenkundig, dass an den Problemen in Europa auch die Bundesrepublik beteiligt ist.

sueddeutsche.de: Was genau werfen Sie Deutschland vor?

Genscher: Die Kriterien für den Euro-Stabilitätspakt wurden in den vergangenen Jahren nicht immer ernst genommen. Da sind auch wir Deutschen nicht frei von Sünde und Verfehlung. Schlechte Beispiele, insbesondere wenn sie von Ländern wie Deutschland ausgehen, können auch bei anderen zu Leichtfertigkeit führen. In der Bundesrepublik müssen wir uns bewusst sein: Wir sind das größte Land in Europa mit den meisten Nachbarn. Deswegen haben wir nicht mehr Rechte, tragen aber eine größere Verantwortung für das Gelingen des europäischen Einigungsprozesses.

sueddeutsche.de: Aber genau dieser Verantwortung wird Deutschland aus der Sicht vieler nicht mehr ausreichend gerecht. Der Historiker Timothy Garton Ash hat es kürzlich einmal so formuliert: "Heute ist viel klarer, was Deutschland von Europa will, als was es für Europa will." Hat sich die Rolle Deutschlands verändert - vom Motor des Einigungsprozesses zum Bremsklotz?

Genscher: Nein, auch wenn mancher so daherredet. Es ist aber wichtig, dass die Europa-Debatte von den politisch Verantwortlichen sehr offen und offensiv geführt wird. Denn Europa ist unsere Zukunft - wir haben keine andere.

sueddeutsche.de: Ähnlich sieht es ihr langjähriger politischer Weggefährte Helmut Schmidt. Die deutschen Politiker müssten "den Bürgern erklären, dass wir und warum wir Deutschen Opfer zu bringen haben" - für das Zusammenwachsen Europas. Tun Politiker zu wenig dafür, die Bedeutung Europas den Bürgern verständlich zu machen?

Genscher: Ich denke schon, dass grundsätzliche Debatten über Europa zu kurz kommen. Ich würde aber nicht von Opfern sprechen. Denn die Vorteile, die wir aus der EU empfangen - nicht nur materiell -, sind so groß, dass von Opfern nicht die Rede sein kann. Wir müssen verstehen, dass wir in einer interdependenten Welt leben. Entfernte Gebiete gibt es nicht mehr. Eine Hypothekenkrise in den USA schlägt bis ins letzte bayerische Dorf durch. Das muss man sehen und politisch klug reagieren.

Es ist schon jetzt absehbar, dass das 21. Jahrhundert bestimmt wird von wenigen großen Staaten und von regionalen Zusammenschlüssen - wie die EU einer ist. Nicht der einzige, aber derjenige, der am stärksten die Integration vorangebracht hat. Das ist für uns Europäer eine unglaubliche Chance. Auch das muss man noch deutlicher herausstellen.

sueddeutsche.de: Ist es angesichts dieser neuen globalen Machtstrukturen notwendig, dass die Nationalstaaten noch mehr Befugnisse an Brüssel abgeben?

Genscher: Ja, Integration ist ein Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist. Man schreitet dort fort, wo die Chancen für Fortschritte am größten sind.

sueddeutsche.de: Wo sind im Moment die Chancen am größten?

Genscher: Zum Beispiel zeigt sich in der Diskussion um die Probleme im Währungsbereich, wie notwendig es ist, dass wir zu einer kohärenten Wirtschaftspolitik kommen. Damals in den achtziger und neunziger Jahren hatte es in der innerdeutschen Diskussion über die Währungsunion eine Reihe beachtlicher Gegner gegeben, die einen Teilerfolg erzielten - indem sie sich mit dem Schreckenswort "europäische Wirtschaftsregierung" gegen eine immer stärkere wirtschafts- und finanzpolitische Kohärenz gewandt haben. Inzwischen haben alle verstanden, dass es in einer Währungsunion und dass es für die Europäische Zentralbank wichtig ist, dass sich die nationalen Wirtschaftspolitiken immer mehr einander annähern mit dem Ziel der Übereinstimmung. Hier ist neues Denken gefordert.

EU-Türkei-Debatte: "Rückwärtsgewandtes Denken"

sueddeutsche.de: Neues Denken verlangen viele auch bei der Erweiterungspolitik. Einer der Kandidaten, über dessen Beitritt am häufigsten gestritten wird, ist die Türkei. Halten Sie es trotz der zahlreichen anderen, inneren Probleme der EU für richtig, die gemeinsame Arbeit an einem Beitritt der Türkei zu forcieren?

Genscher: In den sechziger Jahren, zu Zeiten der Bundeskanzler Konrad Adenauer und Ludwig Erhard, wurden der Türkei im Zusammenhang mit dem Assoziierungsabkommen klare Zusagen gemacht. Damals war es im Übrigen um die Beitrittsfähigkeit Ankaras nicht im Entferntesten so gut bestellt wie heute.

Außerdem ist bekannt, dass die EU für die Aufnahme neuer Staaten sehr kluge Regeln aufgestellt hat: Zum Zeitpunkt, an dem über den Beitritt zu entscheiden ist, muss das beitrittswillige Land beitrittsfähig sein und alle rechtsstaatlichen sowie ökonomischen Voraussetzungen erfüllen. Gleichzeitig ist es Bedingung, dass die Union aufnahmefähig ist.

Bis dahin jedoch müssen die Verhandlungen im Sinne der gegebenen Zusagen geführt werden: und zwar erfolgsorientiert. Nicht als Scheinverhandlungen. Das wäre unaufrichtig. Man muss zu seinem Wort auch international stehen. Im Übrigen ist ein Beitritt der Türkei auch im Interesse der Europäischen Union. Das werden wir noch merken.

sueddeutsche.de: Was genau meinen Sie?

Genscher: Unter anderem ist es ein großes Land, das in unserer Nachbarschaft am Mittelmeer eine wichtige politische Funktion hat. Es wäre ein Beispiel für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und es wäre eine Brücke zur islamischen Welt.

sueddeutsche.de: Gegner eines Beitritts führen oft die kulturelle und religiöse Prägung der Türkei als Argumente an. Was halten Sie davon?

Genscher: Ich glaube, dass sowohl der Katholik Konrad Adenauer wie auch der Protestant Ludwig Erhard wussten, dass sie selbst Christen sind und die Türken nicht. Das heißt: Diese Bundeskanzler, beide von der CDU, waren in ihrer kulturellen und religiösen Offenheit vor 50 Jahren weiter als manche, die heute über dieses Thema diskutieren. Kultur bedeutet ihrer Natur nach nicht Abgrenzung, sondern Offenheit und gegenseitige Bereicherung. Die kulturelle Entwicklung unseres Kontinents ist ein Beispiel dafür. Aus meiner Sicht ist viel rückwärtsgewandtes Denken am Werk, wenn über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei diskutiert wird.

sueddeutsche.de: Anders als die Türkei ist Ungarn bereits EU-Mitglied - seit 2004. Das Land, das Anfang Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat, hat im Januar mit einem neuen Mediengesetz die Pressefreiheit eingeschränkt. Viele in Europa geißeln das als inakzeptablen europäischen Sündenfall. Hat Brüssel hier richtig und rechtzeitig reagiert?

Genscher: Die Europäische Union ist kein Klub, der sich allein wirtschaftspolitisch definiert, sondern als Wertegemeinschaft. Die Pressefreiheit ist Ausdruck der inneren Liberalität unserer EU. Die Entwicklungen in Ungarn werden zu Recht ernst genommen. Und wenn sich die EU-Kommission jetzt einer genauen Prüfung widmet, halte ich das für richtig. Aber sie hätte damit vielleicht auch schon etwas früher beginnen können.

sueddeutsche.de: Wenn es um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, um Freiheits- und Menschenrechte geht, sind es ja vor allem die Europäer, die immer zuvorderst dafür eintreten und das auch weltweit einfordern. Ist es nicht ein fatales Signal an die Welt, dass Brüssel und führende EU-Staaten nicht entschlossener gegen eine solche Verletzung der Freiheitsrechte vorgehen?

Genscher: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind ein Charakteristikum der Union. Ich glaube aber, dass man weltweit verstanden hat, dass die Mitgliedsstaaten, das Europäische Parlament und die Kommission in dieser Frage eine klare Position haben. Diese Haltung wird nicht ohne Einfluss bleiben auf die weitere Entwicklung in Ungarn.

sueddeutsche.de: Nicht nur Freiheits- und Bürgerrechte, sondern insbesondere auch die Weiterentwicklung des Projekts europäische Einigung lag Ihnen und Ihrer Partei immer besonders am Herzen. Das scheint sich in der FDP gewandelt zu haben. Es wird kritisiert, dass Europapolitik kaum noch eine Rolle spielt und sich auch Außenminister Westerwelle zu wenig einbringt. Ist die einstige Europapartei FDP verstummt?

Genscher: Für eine solche Kritik gibt es keinen Anlass. Der Außenminister, der gleichzeitig FDP-Vorsitzender ist, spricht sich immer wieder mit großer Klarheit für eine entschlossene Europapolitik aus. Er ist ein überzeugter Europäer. Und in der Frage der Freiheits- und Bürgerrechte hat sich gerade der Generalsekretär mit großer Klarheit hinter die Bundesjustizministerin gestellt, die das rechtsstaatliche Gewissen der Regierung ist. Es war überhaupt gestern eine erfrischende Pressekonferenz des FDP-Generalsekretärs Lindner, der an eine gelegentlich in der Koalition vergessene Gemeinsamkeit erinnert, nämlich den Umstand, dass keiner der Partner allein die Mehrheit im Bundestag hat. Die Partner brauchen sich gegenseitig.

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Quelle: www.sueddeutsche.de ... »

27.01.2011 1988
Wirtschaftsbeziehungen - Zweikampf in Arabien

Ein Basar in Damaskus: In Syrien und im Irak dominieren türkische und iranische Produkte den Markt. © Louai Beshara/AFP/Getty Images
Waschmaschinen, Autos, Seifenopern – Firmen aus Iran und der Türkei wetteifern in Afrika und im Mittleren Osten darum, wer Exporteur Nummer eins in der Region wird.

Ein Basar in der Vorstadt von Damaskus. Tief hängende Zeltplanen, staubige Gassen, Holztische mit Unterwäsche, Wasserhähnen, Klimaanlagen. Was all diese Waren gemeinsam haben: Made in Iran! Ahmed Attar bedient gerade eine Gruppe iranischer Frauen, in Tschadors gehüllt. Sie zahlen mit iranischen Rial, er gibt syrische Pfund zurück. An der Wand hängen Bilder des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chamenei und des syrischen Staatschefs Assad. »Iran ist mein Geschäft, mein Leben.« Der Syrer Ahmed Attar beherrscht die iranische Landessprache Farsi genauso wie sein Papagei auf der Stange hinter ihm. Der Vogel ist sein bester Verkäufer.
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Der Basar in der Altstadt von Aleppo. Tiefschwarze Mauern, herrliche Galerien mit Marmorbögen, darin zurückgesetzt die Läden. Hussam Farwati räumt nach einem langen Tag seinen Großhandel auf. Kühlschränke, Wasserhähne, Klimaanlagen stehen da. Der Nachbar verkauft Kleidung. Made in Turkey! »Das Geschäft mit der Türkei brummt – und es ist so einfach geworden.« Der Syrer Farwati kann ohne Visum ins Nachbarland reisen. Zwei Flugzeuge am Tag gehen nach Istanbul. Nächste Woche kommen drei Delegationen aus der Türkei mit Vertretern von über hundert Firmen. »Die Türken wollen bei uns produzieren, um zollfrei in andere arabische Länder exportieren zu können.« Farwati will ihnen dabei helfen.

Zwei Syrer – zwei Geschäftsideen und zwei konkurrierende Sponsoren. Iran und die Türkei. Seitdem die Türkei im Juni die neuen UN-Sanktionen gegen Teheran ablehnte, spekulieren westliche Kommentatoren über eine neue Allianz der beiden Länder. Aus der Ferne. Doch in der Nahaufnahme ist von dem angeblichen Bündnis nicht viel zu sehen. Was im Nahen Osten vielmehr auffällt, ist der Wettlauf der beiden Länder – die religiös begründete Diktatur Iran gegen die säkulare Demokratie Türkei. Beide Länder sind ehrgeizige Industrienationen, beide wollen exportieren, beide haben um die 75 Millionen Einwohner, beide sehen sich als Vormacht im Nahen Osten. Die gleichen Startbedingungen, die gleichen Waren, die gleichen Abnehmer. Die Kunden sehen Iran und die Türkei als Wettbewerber, die sie streng vergleichen. Wer hat die Nase vorn?

»Der Papierkrieg ist furchtbar«, sagt ein Händler über Geschäfte mit Iran

In Aleppos alten Kaufmannsgalerien schwärmt Hussam Farwati von den Geschäften mit den Türken. Er fährt seit der Aufhebung der Visumpflicht im vorigen Jahr regelmäßig in die türkischen Grenzstädte Gaziantep und Urfa. Türkisch kann er nicht, aber türkische Firmen haben für ihre Syrien-Geschäfte oft Arabisch sprechende Alawiten eingestellt – eine von vielen Minderheiten in der Türkei. Man verstehe sich, könne sich aufeinander verlassen. Anders mit Iran. »Bei denen bin ich vorsichtig geworden«, sagt Farwati. »Der Papierkrieg ist furchtbar«, stöhnt er über die iranische Handelsbürokratie. Die Händler seien unzuverlässig. Im vorigen Jahr habe er Schmierstoffe aus Iran gekauft. Erst einen Vertrag unterschrieben, dann das Geld überwiesen, die Belege gefaxt. Doch der iranische Partner wollte plötzlich mehr Geld sehen, weil die Ölpreise gestiegen seien. »Tatsächlich waren sie gefallen!«, ärgert sich Farwati. Er löste den Vertrag auf, die Ware blieb aus, das gezahlte Geld kam nie zurück. Seitdem konzentriert er sich auf die Türkei.

Der Rückstand Teherans ist unübersehbar. Das Land, das erst durch die Islamische Revolution, dann in einem Abnutzungskrieg gegen den Irak von Saddam Hussein und schließlich durch UN-Sanktionen von der Welt abgeschottet wurde, kann gegen die Exportprofis aus der Türkei bei gleichen Bedingungen schwer mithalten. Die türkischen Geschäfte mit Syrien wachsen rapide, die iranischen stagnieren. Anders sieht es dort aus, wo Iran machtpolitisch Druck ausüben kann. Darauf versteht sich Teheran.

Willkommen im Irak. In Erbil, im kurdischen Gebiet, laufen Türken und Iraner noch Kopf an Kopf. Eine Messe iranischer Firmen verschafft der Stadt Besucher. Iraner füllen die Restaurants und Frühstückssalons. Das Mineralwasser, der Tee, die Früchte kommen aus der Türkei. Iraner haben die Hotels von der ersten bis zur letzten Etage gebucht. Gebaut sind die Herbergen von türkischen Unternehmen. Im kurdischen Teil des Iraks sieht es gut aus für sie. Ebenso bei den irakischen Sunniten.

Im Süden des Landes dagegen, bei den irakischen Schiiten, dominieren iranische Kaufleute den Markt. Sie spielen die schiitische Karte aus. In der heiligen Stadt Kerbela kommen Zahnpasta, Shampoos, Klimaanlagen und Autos aus Iran. Iranische Pilger beherrschen Kerbela, Farsi ist die zweite Sprache neben Arabisch.

Die Regierung in Teheran sagt, der iranische Handel mit dem Irak sei 2009 auf vier Milliarden Dollar gewachsen – viermal so viel wie 2006. Südlich von Kerbela, in der irakischen Hafenstadt Basra, haben iranische Baufirmen gerade große Verträge abgeschlossen. Eine iranische Staatsbank hat jüngst geöffnet. Die Stadtverwaltung von Basra ist eng mit Iran vernetzt. Einige schiitische Parteien werden von Teheran gesponsert. Irans Regierung will den Handel mit dem Irak in den nächsten drei Jahren auf zehn Milliarden Dollar ausdehnen.

Wie sie das machen? Nahim Junis al-Sawi, Universitäts-Vizerektor aus dem irakischen Dohuk, hat seit dem Fall Saddam Husseins schon viele Türken und Iraner bei der Expansion beobachtet. Die Iraner seien sehr aufs Ziel fixiert, unelegant, steif. »Ich will das jetzt!« Das stehe ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Türken – sanfter, geschickter, auch witzig, flexibel. Dagegen würden die Iraner gern die Religion in den Vordergrund stellen.

Mit TV-Serien gewinnen die Türken die Sympathien vieler Araber

Ein neues Spielfeld ist Afrika. Auf dem vermeintlichen Krisenkontinent erwarten einige Länder in den kommenden Jahren ein beeindruckendes Wachstum. Senegal zum Beispiel. Was dieses Land besonders macht, ist seine wachsende schiitische Bevölkerung. Iran unterstützt dort ein theologisches Seminar und ein Netz religiöser Grundschulen. Sogar eine senegalesische Hisbollah (»Partei Gottes«) gab es schon mal. Der Präsident Senegals war bereits vier Mal in Teheran. Dort hat Abdoulaye Wade natürlich sogleich das iranische Recht auf Nutzung der Kernenergie betont. Gastgeber Mahmud Ahmadineschad freute sich über den Zuspruch. Der iranische Präsident bereiste im Gegenzug Senegal, wo die iranische Autofirma Khodro vor nicht langer Zeit eine Fabrik gebaut hat. Von hier aus soll Westafrika mit iranischen Autos beglückt werden.

Ahmadineschads Afrikaexpedition führte auch ins mehrheitlich christliche Kenia. Dort handelte er Verträge über Lieferungen von Öl, Autos und Konsumgütern aus. In Kenia wäre er fast dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül ins Gehege gekommen, der 2009 mit über hundert türkischen Geschäftsleuten einflog. Die Türken möchten Autos, Maschinen, elektronische Geräte verkaufen, Strom produzieren und Häuser bauen. Gül machte aus der Konkurrenz keinen Hehl. »Der iranische Präsident reist hier auch herum«, sagte er türkischen Journalisten zur Begründung seiner Spesenrechnung in Nairobi. Der klassische Absatzmarkt in Europa sei an eine Grenze gestoßen. Die Türkei sehe sich aktiv nach neuen Märkten um. Ähnlich in Tansania, Kongo und im Sudan. Fast überall begegnen die Türken den Iranern. Allein die Methoden sind unterschiedlich. Die Iraner werben für sich gern mit iranischen Kulturveranstaltungen, Koranlesekursen und Stipendien fürs theologische Studium in Iran. Die Türken laden afrikanische Staatschefs und Geschäftsleute eher mal nach Istanbul ein, verwöhnen sie dort in einem Prachthotel und entlassen sie mit Verträgen wieder in die Heimat. Studenten werden an türkisch-säkulare Universitäten geholt. Auch eine türkisch-afrikanische Handelskammer gibt es längst. Ankaras Handel mit Afrika hat sich seit 2005 vervierfacht.

Zum Zielgebiet gehört der Sudan, ein Land, dessen Präsident vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen per Haftbefehl gesucht wird. Iran und die Türkei scheren sich nicht viel darum. Niemand will im Sudan, Afrikas größtem Flächenstaat, ins Hintertreffen geraten. Omar al-Baschir hat sowohl die Türkei wie auch Iran besucht. Teheran verkauft dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher Waffen und arbeitet mit ihm militärisch eng zusammen. Die Türken liefern gleichfalls Waffen und nähen Uniformen für die sudanesische Armee, wie die Nichtregierungsorganisation Human Rights First in New York berichtete, trotz UN-Sanktionen gegen den Sudan. Der türkische Flughafenbetreiber TAV hofft darauf, den Flughafen Khartoum umbauen zu können. Zu so einem, wie TAV schon in Teheran erweitern und betreiben wollte. Nur dass die türkische Firma sich in der iranischen Hauptstadt von Revolutionsgardisten vertreiben lassen musste. Dann erstarkte dort die Konkurrenz.

Die Türken haben in den vergangenen Jahren jedoch noch einen neuen Dreh gefunden, ihre Außenwirkung zu verbessern. Sie gehen direkt in die Wohnzimmer der Kunden, greifen ihnen ans Herz, rühren sie zu Tränen. Das Vehikel: Fernsehserien. Türkische Primetime-Schlager wie Tal der Wölfe oder Gümüs (»Silber«) werden Istanbuler Produzenten von arabischen und nordafrikanischen Sendern aus den Händen gerissen. Die Seifenoper Gümüs, in der arabischen Welt unter dem Namen Nur (»Licht«) ausgestrahlt, bietet Hochzeiten vor prächtiger Bosporuskulisse, dramatische Entführungen und Versöhnungen, romantische Mondscheinplaudereien, Dauerschmusen auf der Motorjacht. Nicht weniger als 85 Millionen Araber schalten ein, wenn eine neue Folge von Nur beginnt. Das bringt Geld und Prestige zugleich. Soft power nennen die Türken das auf Neutürkisch.

Dem hat Iran nicht viel entgegenzusetzen. In Damaskus, nicht weit vom alten Basar, unterhalten iranische Beamte ein Kulturzentrum. Farsi kann man da lernen, den Koran lesen, Bilderbögen vom alten Isfahan betrachten. Der Leiter des Zentrums findet das »anständiger« und »hochwertiger« als diese platten türkischen Serien. Mag sein, aber es gibt einfach nicht viele Syrer, die sich fürs Hochwertige dort einfinden. Teherans Platzvorteile in Syrien – das sind vor allem die engen Beziehungen der beiden Regime, die iranischen Waffenlieferungen an die Syrer, die gemeinsame Päppelung der islamistischen Widerstandsbewegungen gegen Israel. Hard power.

Iran gegen die Türkei ?? das ist keine militärische Feindschaft, sondern ein Wettbewerb der Waren und Ideen. Für die umworbene Kundschaft im Mittleren Osten und in Afrika ist die Rivalität der beiden Staaten eine feine Sache. »Manchmal fragen uns westliche Besucher, wen wir denn bevorzugen«, sagt ein syrischer Geschäftsmann. »Beide, lautet die Antwort. Wir wollen uns gar nicht entscheiden.« Das könnte ja die schöne Konkurrenz stören.

Quelle: www.zeit.de ... »

27.01.2011 1987
Umweltschutz - Öko à la Turka

Turgut Altug, Berliner Agrarwissenschaftler, betreibt ein Umweltzentrum. ©Tobias Kleinschmidt dpa
Eine türkisch-deutsche Umweltbewegung? Gibt es, und sie kommt in Schwung. Glaube und Aufklärung beflügeln sie.

Allah hat das Universum geschaffen. Aber der Mensch ist der Statthalter der Schöpfung. Der Koran sagt: Wir müssen die Natur und die Tiere mit Respekt behandeln und schützen. Deshalb sollten wir auch Fleisch nur in Maßen genießen. Der Prophet mahnt. Wir sollen nicht verschwenden« – die Frauen, die mit ihren Kopftüchern und knöchellangen Stoffmänteln in der Kreuzberger Merkez Camii Moschee sitzen, nicken zögerlich. Ausnahmsweise ist es nicht der Imam, der an diesem Sonntag zu ihnen spricht. Yasemin Aydemir heißt die junge Frau, die mit unverhülltem Haupt eine Art Predigt in türkischer Sprache hält. Nur hin und wieder hört man deutsche Wortfetzen: »Mülltrennung«, »Heizkostenabrechnung«, »Energiesparlampe«. »Woran erkennt ihr eine Energiesparlampe? Wie viel Geld könnt ihr dadurch sparen?« Eine Verpackung mit einer Ökoglühbirne macht die Runde. Danach wird Yasemin Aydemir erklären, wie man durch richtiges Heizen und Lüften Geldbeutel und Klima schont. Und wie viel Strom aus der Steckdose fließt, wenn der ausgeschaltete Fernseher im Stand-by-Betrieb bleibt. Ihre Zuhörerinnen fragen nach, machen Notizen. Botschaft angekommen?

Für die angehende Islamwissenschaftlerin Aydemir ist ihr Vortrag in der Moschee eine Generalprobe. Von Februar an wird sie als geprüfte Umweltbotschafterin in Moscheen, Schulen und Migrantenvereine ausschwärmen. Zuvor wiederholt die 28-Jährige in den Räumen des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) noch einmal die wichtigsten Lektionen ihres 60-stündigen Ökolehrgangs – gemeinsam mit acht weiteren türkischstämmigen Umweltbotschafterinnen in spe, die im »zivilen« Leben Hausfrauen, Krankenschwestern oder Kosmetikerinnen sind: Wie putze ich umweltschonend? Wie funktioniert der Umstieg auf Ökostrom? Was bringt die Mülltrennung?

Gülcan Nitsch geht alles noch einmal mit ihren Schülerinnen durch. Die 38-jährige Biologin ist Mitgründerin der ersten türkischsprachigen Umweltgruppe namens Yesil Cember – grüner Kreis. Und sie ist Motor einer kleinen, erstarkenden türkischsprachigen Ökobewegung in Deutschland.

Vor vier Jahren war Gülcan Nitsch mit Yesil Cember eine Pionierin. »Die deutsche Umweltbewegung hat die 2,5 Millionen türkischen Migranten als Zielgruppe nicht im Blick gehabt. Dabei ist das ein ungeheures Potenzial.« Heute ist Gülcan Nitsch eine im ganzen Land gefragte Handlungsreisende in Sachen Ökologie à la Turka. Über 20 Multiplikatoren hat sie im letzten halben Jahr zu »Umweltbotschafterinnen« ausgebildet; Partner ihrer zahllosen Ökoveranstaltungen sind die türkischen Konsulate. Mal zieht sie mit ihren – überwiegend weiblichen – Mitstreitern auf Wochenmärkten gegen Plastiktüten zu Felde, mal wirbt sie für Mülltrennung. Gerade hat sie das erste türkische Unternehmen klimafreundlich umgemodelt. Demnächst will sie sich die opulenten türkischen Hochzeiten vorknöpfen – mit einem Faltblatt für ökologisches Feiern und stromsparende Haushaltsgeräte zur Aussteuer. Offenkundige Reizthemen wie Autofahren oder das beliebte Grillen bleiben bei Yesil Cember vorerst lieber tabu. Öko à la Turka verlangt Fingerspitzengefühl. »Aber die Offenheit in der türkischen Community für Umweltschutz ist da«, schwärmt Gülcan Nitsch »wir müssen nur die richtige Sprache finden.«

Taha Kahya hat Zeit gebraucht, sie zu finden. Der Betriebswirt ist durch Moscheen und Männercafés gezogen, um für sparsames Heizen zu werben. Er zeigte Statistiken, Schaubilder vom Klimawandel – seine Zuhörer winkten ab. »Das kannst du an der Uni erzählen.« Erst als Kahya an die Mahnung des Propheten erinnerte, nicht verschwenderisch mit natürlichen Ressourcen umzugehen, wurde sein Publikum hellhörig. Der Islam bot einen Anknüpfungspunkt für das sperrige deutsche Wort Nachhaltigkeit . »Die Religion«, sagt Kahya, »öffnet zumindest bei strenggläubigen Muslimen die Ohren.«

Das mag eine Erklärung sein für den Befund, mit dem eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien so manches Klischee vom türkischen Ökomuffel korrigiert. Eine »ausgeprägte Sensibilität gegenüber dem Thema Umweltschutz, die sogar noch deutlicher ist als bei der deutschen Bevölkerung«, bescheinigen die Forscher türkischen Migranten. Zumindest im Geiste seien sie sehr umweltbewusst. Doch zwischen Sein und Bewusstsein klaffen breite Lücken: Es fehlt das Wissen, weil das Thema von türkischen Medien vernachlässigt wird, viele Menschen fremdeln mit der deutschen Gesellschaft, und sie haben nicht viel Geld.

»Umweltschutz ist eine Frage der Ökonomie, des Zugangs zu Informationen, aber auch der Teilhabe an der Gesellschaft«, erklärt Turgut Altug. Als der promovierte Agrarwissenschaftler in Berlin 2008 das erste und bisher einzige türkisch-deutsche Umweltzentrum gründete, wurde er belächelt. Und mit Blick auf die Mehrheitsgesellschaft ärgert er sich über selbst ernannte Ökomusterknaben, »die Weihnachten mal eben auf die Kanaren fliegen, aber mit erhobenem Zeigefinger klagen, dass ihre türkischen Nachbarn den Müll nicht trennen«.

In seinem Umweltzentrum lehrt er, wie sich Ökologie auf Türkisch buchstabiert. Und zwar ganz praktisch. In Kreuzberg hat er einen »Interkulturellen Garten« geschaffen. Auf 200 Quadratmetern bauen meist türkischstämmige Nutzer in ihren Parzellen Biogemüse und -kräuter an. Dann holt Turgut Altug Kreuzberger Kinder zum Ernten und gemeinsamen Kochen, damit sie ein Gefühl für die Natur bekommen. »Wenn die Leute spüren, das ist mein Garten, mein Park, und Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen, dann ist das ein Stück Integration.«

Dass Umweltschutz Integration bedeutet, wurde dem Agrarwissenschaftler sogar amtlich bescheinigt. In seinem Büro hängt die Integrationsmedaille, die ihm die Migrationsbeauftragte des Bundes im letzten Dezember verlieh.

Turgut Altug will demnächst einen zweiten interkulturellen Garten eröffnen, naturkundliche Radfahrten mit türkischen Müttern starten und sein T-Shirt mit der Anti-AKW-Sonne und dem »Nükleerenerji-Hayir sagol« aus dem Schrank holen.

Gülcan Nitsch wird in anderen deutschen Großstädten Ableger von Yesil Cember gründen. Die Umweltbotschafterinnen beschenken derweil ihre Verwandtschaft mit Stromsparsteckern statt mit Pralinen. Und im oberbayerischen Penzberg ist man stolz auf die erste Solaranlage auf einem deutschen Moscheedach.

In der Kreuzberger Moschee fragt Yasemin Aydemir am Ende ihres Vortrags: »Wollt ihr noch weitere Veranstaltung über Umweltschutz?« – »Ja«, antworten ihre Zuhörerinnen, »und am liebsten über gesunde Ernährung.« Die Integration ins Bio-Deutschland ist auf dem Vormarsch.

Quelle: www.zeit.de ... »

27.01.2011 1986
Araber haben Wahl zwischen Modell Iran oder Türkei

Demonstration in der Hauptstadt Tunis. Foto: Getty Images/Getty
Die revolutionäre Welle in den arabischen Ländern könnte noch mehr Machthaber wegfegen. Für danach gibt es vor allem zwei politische Szenarien.

Ist Tunesien nur der erste autoritäre arabische Dominostein, der fällt? Oder ist es ein einzigartiger Fall, der nicht als Präzedenzfall für die arabische Welt im Allgemeinen oder den Maghreb im Besonderen betrachtet werden sollte? Die Diktatoren der Region sind bemüht, die „Jasminrevolution“ abzutun, doch der Funke, der in Tunesien entzündet wurde, könnte – vielleicht innerhalb von Monaten oder Jahren – auf die gesamte arabische Welt überspringen.

Tatsächlich ist die Mauer der Angst zerfallen; das Volk hat gesprochen, und es könnte sich ein „arabischer Frühling“ anbahnen. Zumindest bisher ist die Botschaft aus Tunesien eindeutig: Korrupte, autoritäre Regime, aufgepasst – wenn ihr euch nicht schnell und tiefgreifend reformiert, sind eure Tage gezählt. Die größte Gefahr ist, dass es mit der Jasminrevolution auf dieselbe Weise weitergeht wie beim antikommunistischen Aufstand in Rumänien vor 20 Jahren, als die niederen Chargen des alten Regimes ihre Bosse verjagten, um selbst an der Macht zu bleiben.

Der Fall Tunesien ist innerhalb der Region nicht vergleichbar

Die beste Analogie für das heutige Tunesien freilich ist das Spanien in den Jahren vor und nach dem Tod Francisco Francos. Indem es sich über den Tourismus der Welt geöffnet hat und mit seiner Betonung auf Bildung und Frauenrechten schuf Ben Alis Regime etwas im Nahen Osten Einzigartiges: eine dynamische Mittelschicht. Doch behandelte das Regime, genau wie die Diktatur Francos, die Mitglieder dieser neuen Mittelschicht nicht wie Erwachsene und förderte dadurch weit verbreitete Frustration.

Angesichts dieser Tatsache erscheint es falsch, wenn nicht gar gefährlich, Tunesien und seine Jasminrevolution mit anderen nationalen Kontexten in der Region zu vergleichen. Doch wenn Marokko heute stabil erscheint, spiegelt dies überwiegend zwei Faktoren wieder: Monarchie und Reform. Angeführt von einer den jungen König Mohammed VI. umgebenden Gruppe von Technokraten, hat in Marokko ein ernsthafter Reformprozess – der eine politische Liberalisierung einschließt – begonnen, auch wenn dessen Ergebnisse noch immer bescheiden erscheinen.

Darüber hinaus profitiert Mohammed VI. als „Befehlshaber der Gläubigen“ von einer „muslimischen“ Legitimität, die den Staatschefs Algeriens und Ägyptens – zweien der gefährdetsten Regime der Region – abgeht. Und im Gegensatz zu Algerien leidet Marokko nicht unter dem Ölfluch.

Strahlkraft darf nicht unterschätzt werden

Auch wenn der Fall Tunesien weitgehend einzigartig ist, wäre es kurzsichtig, seinen potenziellen Einfluss andernorts in der Region abzutun, in der sich – im Zeitalter von Facebook und Twitter – viele junge Araber inzwischen „als Tunesier fühlen“. Auch sie schämen sich der Leistung ihrer Staatsführungen und, stärker noch, ihres vulgären, despotischen Wesens. Auch sie dürstet es nach Freiheit. Egal, wie die Jasminrevolution ausgeht und selbst, wenn sie für die arabische Welt nicht das werden kann, was der Fall der Berliner Mauer für Europa war: Sie wird ein „Vorher“ und ein „Nachher“ begründen.

Das „Nachher“ dürfte zwei potenzielle Modelle politischer Entwicklung für die arabische Welt herausstellen: die Türkei und den Iran. Falls sich die revolutionäre Welle, die in Tunesien begann, auf die übrige arabische Welt ausweitet, wie viele Länder werden dann von der türkischen Offenheit angezogen werden und wie viele vom iranischen Fundamentalismus?

Präferenz des Westens für das türkische Modell

Natürlich ist dies eine allzu simple Dichotomie. Es gibt Graubereiche im türkischen Experiment mit dem „gemäßigten“ Islam“, und jenseits der iranischen Mullahs gibt es Grund zur Hoffnung in das dynamische und widerstandskräftige Wesen der Zivilgesellschaft des Landes.

Was klar ist, ist die Präferenz des Westens für das türkische Modell. Die meisten Europäer möchten die Türkei in angemessenem Abstand halten; konfrontiert mit dem Wandel und der möglichen Regellosigkeit, wenn nicht gar dem Chaos in der arabischen Welt aber betrachten sie das Potenzial der Türkei, eine stabilisierende Rolle zu spielen, mit Wohlgefallen.

Bewegung in der arabischen Welt

Es stimmt schon, die Geschichte wiederholt sich nicht, aber könnte eine gewisse Art neuottomanischer Ordnung möglicherweise die beste Antwort auf die Risiken des „arabischen Chaos“ sein? Die Türkei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdo?an spielt schon jetzt eine wachsende Rolle in der Region und hat ihr Image bei den „normalen“ Arabern verbessert, indem sie in Bezug auf Israels tödlichen militärischen Angriff im Juni 2010 auf eine Hilfsflotte auf dem Weg nach Gaza, die von einer türkischen Wohlfahrtsorganisation organisiert worden war, eine robuste diplomatische Haltung eingenommen hat.

Doch es ist eine Sache, populär zu sein, und eine andere, als Vorbild zu dienen. Die Türkei belegt, dass Islam und Modernität vereinbar sind. Doch sind die Türken die Erben des Ottomanischen Reiches, und es könnte sein, dass die arabische Welt, anders als vom Westen erhofft, nicht bereit ist, ihre gegenwärtige Frustration gegen das beschämende Geständnis einzutauschen, dass es auf dem Weg in die Modernität des Vorbildes ihrer früheren Herrscher bedarf.

Es wäre gefährlich, davon auszugehen, dass die Demokratie in der arabischen Welt nach Tunesien gleich hinter der nächsten Ecke wartet. Doch der Glaube, dass sich nichts verändern wird, ist gleichermaßen illusorisch. Was auch immer geschieht, die Geschichte ist in Bewegung geraten in der arabischen Welt – und es gibt sehr wenig, was der Westen dabei tun kann.

Das Autor Dominique Moisi ist der Verfasser von The Geopolitics of Emotion.

Copyright: Project Syndicate

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